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I. Gewisse Vorbereitungen zur Wie-
derbelebung.

 

  1. Sobald ein Verunglückter entdeckt wird, muß
    ein Arzt oder Wundartz gerufen werden, der
    die Rettungsversuche leitet.

  2. Alle pressenden Kleidungsstücke , Halsbinden,
    Schnürleiber u. dgl. müssen vorsichtig an ihm
    gelöst werden.

  3. Muß ein Verunglückter transportirt werden,
    so muß die Unterlage weich sein, der Kopf
    und Unterleib müssen hoch bleiben, und der
    ganze Körper muß sanft behandelt werden.

  4. Die Rettungsversuche müssen im Sommer un-
    ter freiem Himmel, oder einem Schauer, im
    Winter in einem hellen geräumigen, mäßig
    warmen, trockenen Zimmer, in welchen ein
    Paar Fenster offen stehen, vorgenommen
    werden.

  5. Fünf thätige Personen sind hinreichend, alle
    erforderlich Hülfe zu leisten; mehr müssen
    nicht geduldet werden, wie sie die Arbeit hin-
    dern und die Luft verderben.

  6. Der Tisch oder das Bette, worauf der Verun-
    glückte liegt, muß frei stehen, daß man von
    allen Seiten hinzu kann.

  7. Folgende Sachen müssen schnell herbeigeschaft
    werde: a. Ein Blasebalg; b. einige wolle-
    ne Decken; c. mehrere wollene Tücher; d.
    eine Klistierspritze; e. warmes und kaltes
    Wasser; f. Wein, Branntwein, und Hoff-
    mansche Tropfen; g. guter Essig; h. g Sal-
    miakspiritus; i. gestoßener Senf; k. mehrere
    scharfe und weiche Bürsten; l. Kamillen-,
    Fliederblumen, Pfeffermüntz-, und Melissen-
    kraut; m. eine Badewanne.

  8. Der Verunglückte wird entkleidet; was sich
    von Kleidungsstücken nicht abziehen lässt, wird
    abgeschnitten; er wird in ein Bett oder auf ei-
    nen Tisch gelegt, auf eine weiche Unterlage;
    man reinigt ihm Mund und Nase von
    Schleim und Unreinigkeiten, mit einem
    Schwamm, oder mit Läppchen, die um den
    Finger gewickelt werden.

 

 

II. Allgemeine Mittel, die das Leben
zurückführen können. Hierher
gehört:

  1. Das Lufteinblasen; entweder, dass ein
    Mensch von starker Brust seinen Mund auf
    den Mund des Verunglückten fest aufdrückt,
    die Nase desselben zuhält, und den Athem in
    kurzen Stößen ausbläst – oder, dass demsel-
    ben mit dem Blasebalg Luft eingeblasen wird,
    welches noch besser ist. Dieses zu können, belegt
    man die Mündung des Rohrs am Blasebalge
    mit nassen Läppchen, bringt sie in das eine Na-
    senloch des Verunglückten, und bläst, wäh-
    rend eine anderer ihm den Mund und das andere
    Nasenloch zuhält, die Luft langsam aus. Ein
    Dritter kann daben den Kehlkopf etwas zurück
    drücken, damit die Luft nicht in den Magen
    treten kann. – Hebt sich die Brust nicht, so
    ist Schleim oder sonst etwas hinten im Mun-
    de, das mit einem Stäbchen Fischbein, an
    das ein Schwamm gebunden ist, weggeschafft
    werden muß. Hilft das nicht, so muß man
    die Zunge einige Male hervorziehen, damit die
    Stimmritze geöffnet werde. Will dies auch
    nicht gelingen, so muß man mit dem Luftein-
    blasen solange warten, bis ein Wundarzt ein
    Röhrchen durch die Stimmritze geschoben, oder
    den Luftröhrenschnitt gemacht hat. – Hebt
    sich die Brust, so muß die eingeblasene Luft
    dadurch zurücktreten, daßman die Brust
    herunterstreicht, und den Unterleib sanft her-
    aufdrückt. Man fährt mit diesem Einblasen
    fort, solange es nöthigt ist. -- -- Kann Le-
    benslust herbeigeschaft werden, so ist es um
    so besser.

  2. Die Erwärmung. Man bewirkt sie
    durch erwärmte Betten, Wärmeflaschen, er-
    wärmte wollene Tücher, Kruken; Flaschen,
    Blasen, die mit heißen Wasser gefüllt sind.
    Bähnungen mit warmen Wasser, mittelst wol-
    lener Tücher, heißer Backsteine, in Tücher ge-
    schlagen, heißer Asche, warmer durchgeschnittener
    brodte, warmer Fuß- und Handbäder, und,
    wo es möglich ist, ganzer Bäder. – Alle Theile
    des Körpers müssen erwärmt werden, beson-
    die die Herzgrube, die Geschlechtsteile, und
    der Rückgrat.

 

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III. Mittel, die den Lebensfunken
wieder anfachen. Zu diesen ist zu
rechnen:

  1. Das Reiben mit weichen wollenen Tüchern
    und weichen Bürsten. Es muß sanft gesche-
    hen, und sich auf die Herzgrube, den Rück-
    grat, die Arme und Beine erstrecken.

  2. Die Elektricität, wenn es möglich ist,
    angewendet mit der Leidnerflasche, so daß die
    Schläge das Herz treffen.

 

  1. Lauliche, aber immer wärmer wer-
    dende Klistiere von Essig und Kamillen.
  2. Einspritzungen von Wein, Glühwein,
    und Branntwein in den Magen, mit bieg-
    samen Röhrchen, durch dem Mund, oder durch
    die Nase. – Menge und Stärke dieser geisti-
    gen Flüssigkeiten darf nicht zu groß sein.

  3. Bürsten der Fußsohlen und Handflächen,
    mit harten Bürsten.

  4. Das Tropf – und Spritzbad von eis-
    kaltem Wasser. Ersteres muß 5 Fuß hoch
    tropfenweise auf Kopf, Nacken, Rückgrat,
    Gesicht, Herzgrube, und Geschlechtstheile fal-
    len. Das Spritzbad macht man mit einer
    Klistierspritze, um die genannten Theile zu
  5. Kalte Bespritzungen, während der Ver-
    unglückte im warmen Bade sitzt. Man gießt
    daher mehrere Eimer voll auf den Kopf des
    Scheintoten, und deckt ein Tuch so über die
    Badewanne, dass das kalte Wasser ablaufen
    kann.

  6. Kalte Umschläge um den Kopf, mit vier-
    fach zusammengelegten kleinen Tüchern.

  7. Peitschen mit Brennnesseln.

  8. Niesmittel von Schnupftaback, Zwie-
    belsaft, Meerrettigsaft, Salmiakspiritus, der
    vor die Nase gehalten wird.

  9. Kitzeln des Schlundes mit einer Feder,
    die in Salmiakspiritus getaucht ist.

  10. Einwickeln der Füße in Senfteig.

  11. Betröpfeln mit Siegellack, oder Pech,
    auf die Haut. – Brennen mit heißem Eisen.

  12. Stechen mit Nadeln unter die Nä-
    gel.

  13. Tropfbad von heißem Wasser.

  14. Aufsetzen großer Schröpfköpfe auf
    die Brust und den Bauch.

 

IV. Alle diese Mittel müssen mit Ord-
nung angewendet werden!

  1. Man muß bei Anwendungen derselben ruhig
    sein, und sich nicht übereilen; aber sie auch
    so lange fortsetzen, bis sich Spuren des Lebens
    äußern.

  2. Ein stürmisches Verfahren ist schädlich.

  3. Die Arbeiten müssen verteilt werden.

  4. Das erste Geschäft muß das Lufteinblasen sein
    -- dann folgt Erwärmung, jetzt das Reiben.
    Aeußern sich Lebenszeichen, so müssen Kli-
    stiere, Einspritzungen in den Magen, Elek-
    tricität, Nießmittel, Tropfbad, Spritzbad,
    kalte Begießungen, Umschläge um den Kopf ,
    Bürsten der Fußsohlen, Kitzeln des Schlun-
    des, angewendet werden. – Dieselben Mit-
    tel versucht man auch, wenn die ersten Be-
    lebungsversuche eine halbe oder ganze Stunde
    ohne Erfolg geblieben sind. –Wird das Le-
    nicht erweckt, so nimmt man seine Zu-
    flucht zu Nr. 9. 13. 14. 15. 16., unter III.

  5. Der Scheintote darf nicht ohne Noth ent-
    blößt werden.

  6. Das Lufteinblasen wird fortgesetzt, bis das
    natürliche Athemholen sich wieder einfindet.

  7. Die Erwärmung wird so lange fortgesetzt, bis
    sich der Verunglückte erholt hat.

  8. Nach dem Tropfbade muß er sauber abgetrok
    net werden.

  9. Die Klistiere werden jede Halbe-, oder Vier-
    telstunde wiederholt.

  10. Bevor der Verunglückte nicht schlucken kann,
    darf man ihm nichts einflößen. Kann er schlu-
    cken, so bekommt er Flieder- oder Kamillen-
    thee, und 20 Tropfen Hoffmanschen Li-
    quor, oder einen Löffel voll Wein.

  11. Stellen sich Lebenszeichen ein, so darf man
    die Versuche nicht gleich einstellen; aber sie
    auch nicht eifriger betreiben, wenn sie stär-
    ker werden.

  12. Sind die Versuche 4 bis 6 Stunden ohne
    Erfolg geblieben, so dürfen sie , nachdem Gut-
    achten des Arztes, ausgesetzt, und nachher
    wieder fortgesetzt werden.

  13. Sind die Lebensversuche vergebens gewesen,
    so läßt man den Verunglückten noch 24 Stun-
    den, warm zugedeckt, im Bette Liegen, oder
    bedeckt ihn mit warmer Asche, oder Pferde-
    mist, um von Zeit zu Zeit Rettungsversuche
    anzustellen.

  14. Sind sie gelungen, so überläst man den Ge-
    retteten dem Schlafe; doch muß Jemand bei
    Ihm wachen und auf ihn warten.
   
letztes update: April 2014 © 2009 - 2014 Design by Ulrich Pohler